Der Lebensstil der 70er Jahre ist geprägt von der sexuellen Revolution, der Befreiung sexueller Beschränkung und von neuen Lebensformen. Wirtschaftlich ging es den Bürgern der BRD sehr gut. Die sozial-liberale Koalition unter Willy Brand und später unter Helmut Schmidt sorgte dafür, dass sich in der Bundesrepublik eine Art Wohlstandsgesellschaft etablierte. Lohnzuwächse im zweistelligen Prozentbereich waren keine Seltenheit. Allerdings zeigten die Ölkrise und terroristischen Umtrieben auf die Bürger der Bundesrepublik Wirkung. Eine gewisse Verunsicherung in Bezug auf den bislang gewohnten Wohlstand blieb somit nicht aus. Wohngemeinschaften die im allgemeinen als Kommunen bezeichnet wurden und in denen Mann und Frau gleichberechtigt lebten, waren ebenfalls Ausdruck dieser Zeit. Darüber hinaus wurde vor allem mit Drogen experimentiert. Viele versprachen sich davon eine positive Bewusstseinserweiterung, doch zeigte sich bald, dass der Weg in eine Sackgasse führen würde. Abhängigkeit und körperlicher wie geistiger Verfall war in den meisten Fällen die Folge. Aus den USA schwabbte die so genannte "Flower Power Welle" nach Deutschland. Das friedliche Leben miteinander stand dabei im Vordergrund. Das Musical "Hair" verkörpert wohl am Besten diese zeitliche Strömung.
Die
Bekleidung wurde weit und blumig. Hosen mit Schlag und
Schuhe
mit Plateau-Sohlen waren der letzte Schrei. Im Sommer trug man Cloggs.
Kaum zu glauben, dass man in solchen Dingern tatsächlich
laufen
konnten, erinnerten sie doch ziemlich stark an die
holländischen
Holzschuhe. Die Frauen schmückten sich mit weit wallenden
Kleidern
und im Sommer trugen sie breitkrempige Hüte oder luftige
Tücher um den Kopf geschlungen. Im Herbst/Winter war der
Poncho
ein unbedingtes Muss. Viele Modestücke waren zu einhundert
Prozent
aus Kunstfaser hergestellt und klebten bei warmer Witterung besonders
schön auf der Haut. Die Mini-Mode war nach wie vor
beliebt.
Die Herren trugen immer noch elegant Jackets und passende Hosen, oftmals aber nicht einteilig sondern als Kombination. Die Krawatten waren extrem breit und in schrillen Farben sehr stark gemustert. Im Sommer trug man das Hemd lässig offen und den breiten Kragen über das Jacketrevers geschlagen, am besten etwas weiter geöffnet, so dass das "Brust-Toupet" gut zur Geltung kam. Außerdem trugen die Männer Bermuda-Shorts. Na ja, über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Ich persönlich erinnere mich mit Schrecken an diese Zeit zurück. Alleine schon weil ich die hässlichen Sachen meines Bruders auftragen musste. Die Hosen waren oben zu eng, so dass man bald im Mädchenchor singen konnte, und im Winter war ich beständig erkältet, weil es an den Beinen reinzog. Die Hemden waren oben ebenfalls zu eng. Mutti achtete peinlichst darauf, dass der Scheitel korrekt saß und zur Not wurde mit ein wenig Spucke nachgeholfen (Würg), echt ekelhaft. Nur gut, dass ich dann irgendwann meine Sachen selber einkaufen konnte. Allerdings, und das war auch sehr gut. Die Jeans setzte sich in Deutschland endgültig durch und wurde sogar salonfähiges Bekleidungsstück. Von den alten gerne als Nietenhose bezeichnet, womit man zugleich auf seinen Träger schloss, konnte der Siegeszug dieser Bekleidung doch nicht aufgehalten werden.
Wie sah es mit der Frisurenmode aus. Das war nun wirklich auch ein Beispiel aus dem Gruselkabinett. Die Haare wurden lang getragen, zum Teil gescheitelt, was dann noch abartiger aussah. Die Koteletten (in manchen Fällen "Haarhelm-Halter") ließ sich der Herr ebenfalls lang wachsen. Ach ja, und natürlich durfte der Schnauzbart nicht vergessen werden. So ein Pornobalken stellte das "Non Plus Ultra" des modernen Mannes dar. Der Art und dem Aussehen nach näherte sich der Herr mehr dem Pavian an. Aus Amerika schwabbte der Afro-Look zu uns rüber. Die Frauen ließen sich in ihre langen Haare eine Art "Minipli" reindrehen, so dass sie wie ein explodierter Fußball aussahen. Eine andere Gruppe trug die Haare einfach glatt und lang. Ganz besonders gestraft waren aber vor allem die Brillenträger, denn sie mussten entsetzlich große Horngestelle tragen, die sehr an die größtmögliche Annäherung von Glasbausteinen oder MITROPA-Aschenbechern erinnerten. Wer einen wirklich guten Eindruck der damaligen Frisurenmode bekommen möchte, sollte sich einmal bei Fiese Scheitel umsehen.
Das Design dieser Zeit war ähnlich der gesamten Mode. Tapeten waren mit großen und grellen Blumenmustern geschmückt. Auf dem Boden lag der gute Flokati-Teppich, der mindestens zweimal im Jahr ausgeschlagen werden musste, weil sich soviel Dreck in ihm angesammelt hatte, dass man es gar nicht heraus bekam. Die Formgebung wurde sehr rund. Als Beispiel sei hier nur der Ball-Chair erwähnt, eine Art kugelförmiger Sessel. Die Farben waren grell und poppig. Vor allem Orange war eine beliebte Farbe. Die Einrichtungsgegenstände wirkten mit glatten Oberflächen sehr steril. Stereoanlagen und Fernsehgeräte wurden vielfach dem modernen Design angepasst. Wer heute einmal die Chance hat, eine Wohnung im siebziger Jahre Stil eingerichtet zu sehen, wird sich wie auf einen anderen Planeten zurück versetzt fühlen. Es ist kaum zu glauben, dass Ende der 90er Jahre wieder einmal ein richtiges Revival dieser Zeit einsetzte. Für mich war das einfach nur schrecklich.
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